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Praktikabilität und Praxisnähe im Blickpunkt

Interview mit
Wilfried Kamphausen (QS-Bereichsleiter Obst, Gemüse, Kartoffeln)

Ein umfassendes Rückstandsmonitoring, lückenlose Rückverfolgbarkeit und gesicherte Warenidentität – seit 20 Jahren hat die QS-Fachgesellschaft Obst, Gemüse, Kartoffeln fest im Blick, dass diese Produkte in Deutschland sicher und qualitativ hochwertig sind. Mit der Einführung des QS-Rückstandsmonitorings im Jahr 2006 hat QS ein wirkungsvolles Instrument regelmäßiger Produktkontrollen etabliert, über das die Einhaltung der gesetzlich vorgegebenen Rückstandshöchstgehalte (RHG) für Pflanzenschutzmittel, Nacherntebehandlungsmittel, Wachstumsregulatoren, Schadstoffe und Nitrat und die Zulässigkeit der detektierten Wirkstoffe zuverlässig überwacht wird. Darüber, wie sich das Rückstandsmonitoring in dieser Zeit entwickelt hat und welche Themen zukünftig im Mittelpunkt stehen werden, sprach ich mit Wilfried Kamphausen, QS-Bereichsleiter Obst, Gemüse, Kartoffeln.

Wilfried Kamphausen (QS-Bereichsleiter Obst, Gemüse, Kartoffeln)

Wilfried Kamphausen (QS-Bereichsleiter Obst, Gemüse, Kartoffeln)

Frage: Herr Kamphausen, im Jahr 2006 wurde das QS-Rückstandsmonitoring eingeführt. Wie hat sich die Rückstandssituation in den letzten 20 Jahren verändert? Und was hat das Rückstandsmonitoring dazu beigetragen?
Wilfried Kamphausen: Ich darf die Entwicklung des QS-Rückstandsmonitorings jetzt über 16 Jahre lang begleiten. Wenn man sich die damalige Situation noch einmal vor Augen führt, dann kann man in der Rückschau leicht nachvollziehen, warum sich die Wirtschaftsbeteiligten und die Verbände der Obst- und Gemüsebranche damals zusammengetan haben, um gemeinsam für eine Beruhigung des Marktes zu sorgen. Wir erinnern uns: es war die Hoch-Zeit einiger NGOs, die sich intensiv mit dem Thema Rückstandshöchstgehalte beschäftigt haben und manchmal auch unsachliche Anschuldigungen veröffentlichten, die in den Medien allerdings ein starkes Echo fanden. Selbstkritisch muss man sagen, dass die Rückstandssituation damals noch eine ganz andere war, als sie es heute ist. Aber bei weitem nicht so schlimm, wie es zu jener Zeit durch eine verzerrende Berichterstattung öffentlich dargestellt wurde. Zielsetzung des QS-Rückstandsmonitorings war es folglich, als Branche ein klares Bild von den tatsächlichen Rückständen zu bekommen und – sofern notwendig – auch einen Schutzschirm gegen unsachgemäße Anschuldigungen zu haben. Einen Mechanismus, mit dem man schnell und vor allem faktenbasiert reagieren konnte. Aber das war natürlich nicht alles. Selbstverständlich gab es auch das gemeinsame Ziel, dass sich die Branche hierdurch auch kontinuierlich weiter verbessert.

Frage: Sie sagten, dass die Rückstandssituation damals eine andere war. Können Sie das näher erläutern?

Kamphausen: Auch damals wurden Pflanzenschutzmaßnahmen selbstverständlich bereits professionell umgesetzt. Allerdings waren dabei die Rückstände weniger im Fokus als heute. Daher gab es zu dieser Zeit in den Proben mehr Rückstandsüberschreitungen und mehr Wirkstoffe – für die jeweilige Kultur nicht zugelassene Wirkstoffe – als dies heute der Fall ist. Aber es war keineswegs so dramatisch, wie es im Rahmen regelrechter Kampagnen oft plakativ dargestellt wurde. Vor rund 15 Jahren begann sich dann – nicht zuletzt getrieben durch das QS-Rückstandsmonitoring – die Rückstandssituation in Deutschland spürbar Stück für Stück zu verbessern. Seit dieser Zeit ist auch die Zahl der Proben von anfänglich rund 9.000 auf inzwischen mehr als 17.000 pro Jahr gestiegen.


Frage: Können Sie uns konkrete Beispiele geben, was durch das Rückstandsmonitoring konkret bewirkt werden konnte?
Kamphausen: Ein Beispiel ist, dass beträchtliche Schwierigkeiten mit Rückständen im Salat aus bestimmten Herkünften vorlagen. Mit der Einführung des QS-Rückstandsmonitoring verbunden mit den QS-Audits, konnten wir die Situation in den betroffenen Regionen Schritt für Schritt verbessern. Letztlich konnte der Salat dann auch mit dem QS-Prüfzeichen gelabelt werden und es ist gelungen, dem Produkt seine Akzeptanz im Markt zurückzugeben. Am Ende waren sowohl die Lieferanten als auch die Abnehmer im Lebensmitteleinzelhandel zufrieden. Ein anderes Beispiel bezieht sich auf Gebiete, in denen der Anbau sehr kleinteilig ist und wo es Probleme mit Abdriften gab. Dadurch wurden Wirkstoffe in Produktproben gefunden, die für die jeweilige Kultur nicht zugelassen waren. Hier konnten wir Klarheit schaffen, indem wir diese Vorkommnisse konsequent geahndet haben und die Ware innerhalb des QS-Systems nicht vermarktet werden konnte. Unter dem Strich hat sich seitdem nicht nur die Rückstandssituation mit jährlich weiter gesunkenen Beanstandungsquoten entscheidend verbessert. Auch die Erzeuger sind heute viel sensibler im Umgang mit dem Thema Rückstände.

 

Frage: Kann man dies auf alle Produkte beziehen?

Kamphausen: Ja, das gilt für alle Obst- und Gemüseprodukte und natürlich auch für Kartoffeln gleichermaßen. Sogar bei den besonders witterungsanfälligen Erdbeeren ist dies so. In den letzten fünf oder sechs Jahren gab es bekanntlich Frühjahre, die aufgrund feuchter Witterung nicht einfach für die Produzenten waren. Trotzdem tendieren die Fälle von Überschreitungen des Rückstandshöchstgehalts praktisch gegen Null.


Frage: Was werden die zukünftigen Herausforderungen für das QS-Rückstandsmonitoring sein?

Kamphausen: Das Ur-Gen von QS ist seit jeher, für sichere und qualitativ hochwertige Lebensmittel zu sorgen. Zu schauen, wo es möglicherweise Risiken, die dringend einer Lösung bedürfen, gibt. Dies ist bei der Rückstandsthematik in besonderem Maße der Fall, der wir natürlich weiterhin höchste Priorität einräumen werden. In zunehmendem Maße beschäftigen wir uns aber auch mit dem Thema Kontaminanten. Exemplarisch möchte ich in diesem Zusammenhang das Thema PFAS (Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen) nennen. Stand heute sehen wir bei Obst und Gemüse zwar keine akute Gefahr, aber wir müssen die Risikobeurteilung wissenschaftlich genau erörtern, auch weil es viele potenzielle Eintragsquellen gibt. Im Blick haben wir hierbei auch die Auswirkungen künftiger regulatorischer Entwicklungen, nicht zuletzt ein mögliches Verbot von PFAS im Bereich des Pflanzenschutzes.


Frage: Neben Qualität und Sicherheit ist Nachhaltigkeit inzwischen ein bestimmendes Thema. Im Jahr 2023 hat QS für die Stufe Erzeugung die ‚Freiwillige QS-Inspektion Nachhaltigkeit‘ (FIN) eingeführt, wo zunächst die Themen Biodiversität und Wasser im Fokus standen. Was kann FIN dazu beitragen, dass die Themen gut von der Branche umgesetzt werden kann?

Kamphausen: FIN ist ein Instrument, das die Branche auf der Basis der QS-Plattform entwickelt hat, um zum Ausdruck zu bringen, dass man ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit hat. Dieses gemeinsame Verständnis in der Branche war grundlegend für uns und ging der Entwicklung des späteren Moduls weit voraus. Wir haben damals gemeinsam mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf eine Studie erstellt und eine Arbeitsgruppe gegründet zu dem Thema, um den Bedarf in der Branche exakt ermitteln und für die weitere Arbeit festhalten zu können. Welche Zielsetzung hat uns bei der Entwicklung von FIN geleitet? Zum einen der Gedanke und Wunsch, dass der Anbau von Obst und Gemüse in Deutschland generell nachhaltiger wird. Zum anderen aber auch das Bestreben, bereits bestehende unterschiedliche Ansätze besser – und zwar im Sinne der Erzeuger – zusammenfassen zu können. Dies ist schließlich unsere Kernkompetenz als Standardgeber. FIN ist nach diesem Verständnis auch ein Standard, um das Sammelsurium an Initiativen, das sich in der Branche rund um das Thema Nachhaltigkeit gebildet hat, zu bündeln und letztlich zu vereinfachen. Für die Erzeugerbetriebe soll FIN ein Werkzeug sein, mit dem sie ihr Nachhaltigkeits-Engagement besser managen und darstellen können. Aufwand und Kosten sollen dabei in vernünftigen Grenzen bleiben, alles andere würde dem Thema auch mehr schaden als nutzen. Daher ist es aus unserer Sicht entscheidend, so viele Erzeugerbetriebe wie möglich mitzunehmen und zur Teilnahme zu motivieren, anstatt die Messlatte von vorneweg so hochzulegen und viele Betriebe gar nicht zu erreichen. Bei den FIN-Nachhaltigkeitsthemen Biodiversität und Wassereffizienz war dieser Ansatz sehr erfolgreich und das hohe Maß an Akzeptanz, das wir in diesen beiden Bereichen erfahren haben, bestärkt uns in unserer Vorgehensweise.


Frage: Wie geht es denn in Zukunft weiter mit FIN?

Kamphausen: Es geht weiter mit dem Aufbau einer Branchenplattform für die CO2 Bilanzierung. Dies ist das Thema, das gerade von allen Seiten am stärksten nachgefragt wird. Zum einen kommen diese Impulse aus dem regulatorischen Bereich, als Stichworte nenne ich nur die EU-Taxonomie und speziell die CSRD-Richtlinie (Corporate Sustainability Reporting Directive), wodurch sich die Pflichten zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für Unternehmen verschärfen. Zum anderen wird dies aber auch von immer mehr Finanzdienstleistern und Versicherungen vorausgesetzt, die die Vergabe ihrer Produkte und Services zunehmend an nachhaltiges Wirtschaften knüpfen. Hierfür ist der Aufbau einer einheitlichen Berechnungsmethode und entsprechenden Daten-Infrastruktur erforderlich. Letztendlich soll die Branchenplattform eine einheitliche Datengrundlage liefern und primär für die Erzeugerstufe Aufwand und Kosten so gering wie möglich halten.


Frage: Gerade im Bereich der Nachhaltigkeit steht die nationale und internationale Vergleichbarkeit immer wieder in der Kritik. Wie löst QS dieses Problem?

Kamphausen: Das ist richtig. Die Berechnungsmethodik für die CO2-Bilanzierung muss daher zum einen die Vergleichbarkeit unter den Betrieben ermöglichen, zum anderen aber auch international harmonisiert sein. Für die Harmonisierung ist es wichtig, dass die relevanten europäischen Rechtsgrundlagen berücksichtigt werden und die methodische Anschlussfähigkeit gegeben ist. Gemeinsam mit der Hochschule Geisenheim arbeiten wir an dem Thema. Aber auch das Thema Praktikabilität für die Erzeugerbetriebe ist bei uns von zentraler Bedeutung.


Frage: Wie müssen sich die Standards künftig in puncto Zertifizierung, Prüfsystematik und KI aufstellen?

Kamphausen: Als Standardgeber müssen wir uns grundsätzlich die Frage stellen, welche Themen zukünftig entscheidend für die Branche sein werden und in diesem Zusammenhang auch, ob und wie wir diese mit dem QS-System darstellen können. Hier geht es darum, mit der und für die Branche relevante Bedarfe zu identifizieren. Im Weiteren müssen wir dann aber gewährleisten, dass die mit den Zertifizierungen verbundenen Ziele auch so auf den Punkt gebracht werden, dass sie prüfbar und umsetzbar für die Betriebe bleiben. Insoweit hinterfragen wir bei allen Themen, die zukünftig eine Rolle spielen, aber auch bei den bereits bestehenden, wie wir für die Systempartner die Praktikabilität optimieren können. Wie und wo können wir effizienter werden, in welchen Bereichen sind Verschlankungen und weniger Dokumentationsaufwand möglich? Kann man dies möglicherweise auch mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz erreichen? Dies sind entscheidende Punkte, um noch mehr Akzeptanz und damit auch mehr Teilhabe erzielen zu können. Die deutschen Obst-, Gemüse- und Kartoffelbranche ist ohne Frage gut aufgestellt. Unser Wunsch als führender Standardgeber ist es, auch zukünftig unseren Beitrag dazu zu leisten, dass dies so bleibt.


Hinweis: Das Interview führte Michael Schotten (Chefredakteur Fruchthandel Magazin) mit Wilfried Kamphausen. Es ist im Fruchthandel Magazin (Ausgabe 5/2026) und in Auszügen in der qualitas (Ausgabe Winter_2026) erschienen.


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